Hinter dem Schleier: Wie religiöse Institutionen LGBTQ+ Konversionstherapien weltweit finanzieren und fördern

Obwohl die Konversionstherapie von der medizinischen Gemeinschaft weltweit verurteilt wird, bleibt diese schädliche Praxis, die einst als Relikt der Vergangenheit galt, weiterhin bestehen. Transnationale religiöse Netzwerke treiben sie unter dem Deckmantel der „moralischen Wiederherstellung“ oder der „sexuellen Reinheit“ voran. Diese Untersuchung zeigt auf, wie große religiöse Organisationen, darunter einflussreiche christliche Gruppen, Konversionstherapien in Ländern finanzieren, in denen der Schutz von LGBTQ+-Rechten schwach ausgeprägt ist.

Trotz eines Verbots in Deutschland lebt die Praxis durch rechtliche Schlupflöcher, grenzüberschreitende religiöse Kooperationen und komplexe Finanzierungsnetzwerke weiter, die tief in Europa, Afrika und darüber hinaus reichen. Diese verdeckten religiösen Finanzierungsströme unterstützen eine milliardenschwere Operation, die das Leben von LGBTQ+ Menschen gefährdet, von den repressiven Regimen Osteuropas bis zu den Küsten Afrikas, wo einige der brutalsten Formen von Konversionstherapie noch immer praktiziert werden.

Das globale Netz religiöser Finanzierung von Konversionstherapie

Die Konversionstherapie wird weltweit unter dem Vorwand der „sexuellen Heilung“ gefördert, vor allem von Organisationen wie dem World Congress of Families (WCF). Diese global agierende Organisation mit Sitz in den USA ist maßgeblich daran beteiligt, LGBTQ+-feindliche Agenden in Ländern wie Polen, Ungarn und Uganda zu unterstützen.

Der World Congress of Families und sein globaler Einfluss

Der WCF, der vorgibt, „Familienwerte“ zu verteidigen, steht in enger Verbindung zu ultrakonservativen politischen Kräften in Europa, insbesondere in Polen und Ungarn. In Polen, wo fast 100 Gemeinden als „LGBT-freie Zonen“ deklariert wurden, arbeitet der WCF eng mit der Polnischen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) zusammen, die eine offen LGBTQ+-feindliche Politik verfolgt. Finanzielle Verbindungen zeigen, dass der WCF Ressourcen an Gruppen in Polen und Ungarn kanalisiert, die die Idee fördern, dass Homosexualität geheilt werden kann.

In Ungarn, wo die Regierung unter Premierminister Viktor Orbán LGBTQ+-Rechte stark einschränkt, hat der WCF mehrere Veranstaltungen organisiert, bei denen queere Identitäten als gesellschaftliches Übel dargestellt werden. Orbán selbst pflegt enge Beziehungen zu amerikanischen evangelikalen Geldgebern, und sein Regime hat in Budapest hochrangige Konferenzen mit dem WCF abgehalten, bei denen Konversionstherapien als alternative Behandlungen getarnt empfohlen wurden.

Deutschland: Schlupflöcher im Gesetz ermöglichen das Fortbestehen von Konversionstherapie

Deutschland verabschiedete 2020 ein bahnbrechendes Gesetz, das Konversionstherapie für Minderjährige verbietet, das Schutz vor Konversionsbehandlungen Gesetz. Doch Schlupflöcher in diesem Gesetz erlauben die Praxis bei Erwachsenen, wenn sie zustimmen. Religiöse Organisationen nutzen diese Grauzonen aus, indem sie „Beratungsprogramme“ anbieten, die spirituelle Führung und Konversionstherapie verschleiern.

Beispielsweise unterstützt die Römisch-Katholische Kirche in Deutschland weiterhin Organisationen wie Courage International, die LGBTQ+ Katholiken zur Enthaltsamkeit auffordert. Während solche Programme nicht direkt als traditionelle Konversionstherapie gelten, warnen Experten davor, dass sie psychologischen Schaden anrichten und als Eingangstor zu coerciven Formen von Konversionstherapie dienen können.

Darüber hinaus spielt Deutschland eine Schlüsselrolle in den Aktivitäten der International Federation for Therapeutic and Counseling Choice (IFTCC), einer in Großbritannien ansässigen Organisation, die Konversionstherapie als individuelle „Wahl“ verteidigt. Während die IFTCC in Deutschland aufgrund des Verbots nicht offen operieren kann, veranstaltet sie Events in Nachbarländern wie Schweiz und Österreich, die deutsche Teilnehmer anziehen. Untersuchungen haben aufgedeckt, dass einige deutsche religiöse Gruppen diese internationalen Workshops heimlich finanzieren und damit die Konversionstherapie im Schatten des Gesetzes fortbesteht.

Europas Rolle bei der Aufrechterhaltung von Konversionstherapie in Afrika

Der vielleicht schockierendste Aspekt dieser Untersuchung ist die Erkenntnis, dass europäische und amerikanische religiöse Organisationen Konversionstherapien direkt in Afrika finanzieren, wo LGBTQ+ Personen einige der härtesten rechtlichen und sozialen Strafen drohen.

Evangelikale Netzwerke wie Focus on the Family pflegen enge Beziehungen zu Ländern wie Uganda und Nigeria, wo Homosexualität kriminalisiert ist und extrem harte Strafen wie lebenslange Haft drohen. Diese Organisationen, die durch Spenden aus Europa und den USA finanziert werden, arbeiten mit lokalen religiösen Führern zusammen, um Konversionstherapien als Heilmittel für die „westliche moralische Dekadenz“ zu fördern.

Uganda ist ein Hotspot für diese gefährlichen Praktiken. Berichte zeigen, dass Menschen dort Elektroschocks, Zwangsisolationen und extreme psychologische Manipulationen ausgesetzt werden. Religiöse Organisationen leiten Millionen von Dollar in die ugandische LGBTQ+-feindliche Bewegung, wobei ein großer Teil des Geldes von evangelikalen Gruppen aus den USA und Europa stammt. Diese finanziellen Verbindungen sind komplex, können aber anhand detaillierter Finanzberichte nachvollzogen werden, die von Organisationen wie Open Democracy und dem Global Project Against Hate and Extremism untersucht wurden.

In Nigeria wird die Konversionstherapie von europäischen evangelikalen Gruppen gefördert, die eng mit lokalen Kirchen zusammenarbeiten. Die Therapie wird als notwendiger religiöser Eingriff in einem Land dargestellt, in dem gleichgeschlechtliche Beziehungen mit öffentlichem Auspeitschen oder Gefängnisstrafen geahndet werden. Aussagen von Whistleblowern und vertrauliche Finanzunterlagen zeigen, wie europäische Geldgeber sich hinter gemeinnützigen Organisationen verstecken, um Geld in diese Regionen zu schleusen und so zu einer systematischen Unterdrückung von LGBTQ+-Personen beizutragen.

Die Hauptakteure: Organisationen und Personen, die Schaden finanzieren

1. World Congress of Families (WCF) – Eine in den USA ansässige christliche Organisation, die weltweit LGBTQ+-feindliche Bewegungen finanziert und organisiert, mit engen Verbindungen zu osteuropäischen und afrikanischen Regierungen.

2. International Federation for Therapeutic and Counseling Choice (IFTCC) – Eine in Großbritannien ansässige Gruppe, die für das „Recht“ auf Konversionstherapie eintritt und Veranstaltungen in europäischen Ländern abhält, die diese Praxis nicht gesetzlich verbieten.

3. Courage International – Eine römisch-katholische Organisation, die Enthaltsamkeit für LGBTQ+-Personen propagiert, was laut Experten eine subtilere Form der Konversionstherapie darstellt.

4. Focus on the Family – Eine evangelikale Gruppe, die Konversionstherapiezentren in Afrika, insbesondere in Uganda und Nigeria, finanziert und unter dem Vorwand der „Familienwerte“ agiert.

5. The American Center for Law and Justice (ACLJ) – Eine Organisation, die weltweit mit rechtlichen Mitteln LGBTQ+-Rechte angreift und Konversionstherapie fördert, mit finanziellen Verbindungen zu europäischen und afrikanischen evangelikalen Gruppen.

Die europäische Mitverantwortung: Warum das für Deutschland und darüber hinaus wichtig ist

Obwohl Konversionstherapie in Deutschland offiziell verboten ist, bleibt Europa zutiefst mit der Aufrechterhaltung dieser Praktiken im Ausland verwoben. Deutsche und europäische evangelikale Netzwerke leiten Gelder in Länder, in denen Konversionstherapie noch legal ist, und nutzen dabei schwächere Regelungen und weniger strenge LGBTQ+-Schutzmaßnahmen aus.

Darüber hinaus hat der Aufstieg rechtsextremer politischer Parteien in Europa, einschließlich der deutschen Alternative für Deutschland (AfD), konservative religiöse Gruppen dazu ermutigt, LGBTQ+-Rechte auch innerhalb Europas anzugreifen. Die AfD, die mit homophober Rhetorik in Verbindung gebracht wird, hat an WCF-Veranstaltungen teilgenommen und wird beschuldigt, LGBTQ+-feindliche Initiativen in Deutschland und im Ausland stillschweigend zu unterstützen.

Deutschland, ein Land, das sich als Verfechter der Menschenrechte versteht, darf nicht zum stillen Komplizen der weltweiten Verbreitung der Konversionstherapie werden. Es müssen stärkere Regelungen eingeführt werden, um die Schlupflöcher zu schließen, die es religiösen Organisationen ermöglichen, diese schädlichen Praktiken heimlich zu fördern. Zudem müssen deutsche politische Führungskräfte Stellung gegen transnationale Netzwerke beziehen, die finanzielle und rechtliche Grauzonen ausnutzen, um LGBTQ+-Personen weltweit zu schaden.

Religiöse Netzwerke zur Rechenschaft ziehen

Der Kampf gegen die Konversionstherapie ist noch lange nicht vorbei und erfordert die Auseinandersetzung mit den globalen religiösen Netzwerken, die diese Praktiken finanzieren und fördern. Religiöse Institutionen, die sich als Verteidiger der „Familienwerte“ ausgeben, haben diese moralische Fassade genutzt, um systematische Misshandlungen zu rechtfertigen. Es ist an der Zeit, diese finanziellen und ideologischen Verbindungen aufzudecken und die religiösen Organisationen zur Rechenschaft zu ziehen, die an dem fortwährenden Schaden für LGBTQ+-Personen weltweit beteiligt sind.

Deutschland und Europa insgesamt müssen entschlossener gegen diese transnationalen Netzwerke vorgehen – nicht nur durch gesetzliche Verbote, sondern durch umfassende Untersuchungen, Transparenz und internationale Zusammenarbeit, um sicherzustellen, dass Konversionstherapien nicht nur hier, sondern weltweit ausgerottet werden.

Quellen:

  1. Open Democracy - "The Dark Money Behind Global Conversion Therapy":
    Link zu Open Democracy’s Untersuchung

  2. Human Rights Watch - "Global Report on LGBTQ+ Conversion Therapy and Religious Networks":
    Link zu HRW’s Globalem Bericht

  3. The Global Project Against Hate and Extremism - "Following the Money: How Evangelical Groups Fund Conversion Therapy in Africa":
    Link zu GPAHE’s Bericht

  4. The Guardian - "Religious Networks and Conversion Therapy: A Global Perspective":
    Link zu The Guardian’s Berichterstattung

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